Donnerstag, 3. Dezember 2009

Brief von Lenzen

Liebe Studierende der Universität Hamburg!

Wie Sie sicher erfahren haben, hat der Hochschulrat mich zum neuen Präsidenten der Universität gewählt und der Akademische Senat hat diese Wahl bestätigt. Es ist deshalb dringend Zeit, mich Ihnen allen persönlich vorzustellen und ein paar Worte zu dem möglichen gemeinsamen Weg zu sagen:

Ich bin vor wenigen Tagen 62 Jahre alt geworden, bin verheiratet, habe drei Söhne und ein Enkelkind. Ich bin Erziehungswissenschaftler und habe lange Zeit über die Probleme geforscht und gelehrt, die uns heute alle beschäftigen: den richtigen Weg für die Bildung der nachwachsenden Generation zu suchen. Dieser Weg ist nicht
leicht zu finden. Ich persönlich bin aber davon überzeugt, dass die Gestaltung einer Zukunft unserer Hochschule gelingt, wenn Grundsätze und Überzeugungen gemeinsam getragen werden, die in unserer Zeit bedeutsam sind.

1. Die Universität Hamburg ist eine sehr gute- Universität, die zu Unrecht von manchen für mittelmäßig gehalten wird. Daten und Erfahrungen sprechen für die Qualität der Universität Hamburg.

2. Die Universität Hamburg ist eine Volluniversität und muss es bleiben, weil ihre Fächervielfalt eine ihrer Stärken ist. Dieses gilt insbesondere für die Geisteswissenschaften, die in Deutschland so oft missachtet worden sind. Gerade meine Erfahrung an der Freien Universität Berlin zeigt, wie wichtig es ist, diese Geistes- und Sozialwissenschaften zu stärken und welcher Erfolg damit verbunden werden kann.

3. Die Universität Hamburg hat eine große Geschichte des bürgerschaftlichen Engagements in der Demokratie. Sie steht für Freiheit und für einen gerechten Umgang der Menschen miteinander. Deshalb halte ich das gegenwärtige Hochschulgesetz für revisionsbedürftig. Es hat Möglichkeiten der Willensbildung in der Universität, zum Beispiel unterhalb der Ebene der Fakultäten, zu Unrecht erschwert.

4. Die Universität Hamburg hat einen gesellschaftlichen Auftrag, aber sie
ist nicht Auftragnehmerin von Einzelinteressen. Als öffentliche Universität
muss sie Verantwortung für die Ausbildung der nachwachsenden Generation
und für de Forschung übernehm:n.—

5. Bildung, wenn sie wirklich Bildung sein soll, ist immer Selbstbildung und nicht Fremdbildung. Das heißt, Lernen ist ein autonomer Vorgang, der im Bewusstsein jedes einzelnen Menschen individuelle Wege nimmt. Diese dürfen nicht durch Überregulierung und Bürokratismus behindert werden. Die Reform des Bologna-Prozesses ist deshalb dringend überfällig. Es müssen Freiräume geschaffen und Druck gemindert werden, unter anderem dadurch, dass Anwesenheit nicht unpädagogisch erzwungen und kleinlich kontrolliert wird, dass Lehrpläne nicht überfüllt sind, dass die sog. workload und Leistungspunkte realistisch berechnet werden und dass Lehrende und Lernende sich gemeinsam um den Weg zur wissenschaftlichen Wahrheit bemühen.

6. Das Studium an einer Universität darf nicht durch Geldforderungen erschwert werden. Aus dem Beispiel USA wissen wir, dass Studiengebühren sehr wohl Menschen aus Familien mit niedrigem Einkommen ausschließen können. So ist die Beteiligung von wirtschaftlich schlechter gestellten Menschen an der höheren Bildung nur halb so groß wie die Beteiligung derjenigen, die über ein höheres Einkommen verfügen. Das ist nicht hinnehmbar.

7. Die Universität Hamburg ist eine Universität mit hoher Internationalität. Dies muss erhalten und ausgebaut werden. Deswegen gilt es zuerst, jede Form der Ausländerfeindlichkeit gerade auch in subtilen Formen zu bekämpfen und den Menschen aus aller Welt, Studierenden wie Lehrenden, eine offene Universität zu zeigen, die sich über ihre Anwesenheit freut.

B. Die Universität Hamburg ist forschungsstark. Dies ist auch für die Studierenden eine wichtige Tatsache, denn es gilt: Forschung und Lehre stellen eine Einheit dar. Qualitätvolle Lehre beruht auf qualitätvoller Forschung. Hervorragende Forschung und Lehre darf-man deshalb nicht gegeneinander ausspielen. Exzellenzstreben darf auf keinen Fall Vorrang vor dem Anspruch aller auf gute Lern- und Arbeitsbedingungen haben.

9. Die Universität Hamburg ist eine große Einrichtung, bei der es darauf ankommen wird, durch Serviceleistungen und gegenseitige Aufmerksamkeit das Studieren, Forschen und Unterrichten zu erleichtern. Das setzt gute Organisationsformen und ein Servicebewusstsein bei allen voraus, die für diese Universität arbeiten. Dazu möchte ich selbst ein Vorbild sein. Die Leitung und Verwaltung einer Universität sind eine wichtige Aufgabe, um Forschung und Lehre mitzutragen und zu unterstützen.

10. Die Universität Hamburg hat eine große Zukunft, wenn wir gemeinsam, kompetent, entschlossen und mit Optimismus diese Zukunft gestalten und uns nicht beirren lassen. Gemeinsam mit den Mitgliedern der Universität und den in Organen und Gremien Verantwortlichen sind die konkreten Wege zu suchen und sicherlich zu finden, die uns diese Zukunft erschließen.

Ich würde mich freuen, wenn wir den oben skizzierten Weg gemeinsam gehen könnten.
Einstweilen wünsche-Ichltmen weiterhin einen guten3 auf und bin mit herzlichen Grüßen
Ihr

Dieter Lenzen

Kommentare:

  1. Hochschulgesetz kritisieren, sich aber darüber legitimieren. Demokratie fordern, aber undemokratisch uns Studis einfach vorgesetzt werden. Lenzen, so doof sind wir nicht! You are not our president!

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  2. Dieter Schatzi,

    Was du in Berlin an exellenter Hochschul-neoliberalisierung hingekommen hast, wirst du in Hamburg nicht so ohne weiteres hinbekommen!

    http://www.youtube.com/watch?v=eNpnwqvVKTM

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  3. scheint ja irgendwie gar nicht schlecht zu klingen. ich frage mich nur, warum da so viele rechtsschreibfehler drin sind??
    was ist die quelle? wo wurde das veröffentlicht?

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  4. Intelligent. Gute Ansichten und Ziele. Warum nicht?

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  5. Hey Dieter ! Ich finde es echt toll, dass du jetzt auch unsere Forderungen teilst und nach aussen hin so stark vertritts ! Echt Super und mach weiter so !
    Also dann, wir sehen uns heute Abend im Plenum !
    ... und vergiss nicht, deinen Schlafsack mit zu bringen :)

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  6. Soweit klingt das ja alles ganz schön und durchaus annehmbar... nur steht das in vielen Punkten im krassen Gegensatz zu dem was an der FU Berlin tatsächlich umgesetzt wurde!

    Was bleibt ist die Skepsis und die Erkenntnis: Schöne Worte und Papier sind geduldig, die Realität sieht nur allzuoft ganz anders aus.

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  7. 10 Kritikpunkte "gegenargumentieren" und schon werden wir Freunde!
    Die Quelle des ganzen wäre in der Tat interessant.

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  8. Die Quelle findet ihr in eurem Briefkasten - zumindest habe ich einen Brief des Präsidiums mit diesem Inhalt bekommen (wurde wohl abgetippt -> Rechtschreibfehler)

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  9. Quelle: Das ging per Briefpost an alle Studierenden, wurde hier wohl abgetippt, daher die Fehler.

    Zur Legitimation: Lenzen kann ja kaum das Hochschulgesetz ändern, bevor er gewählt wurde...

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  10. Wie kann es sein, dass die Kluft zwischen dem, was ein Mann sagt und dem, was er tut, so groß ist? Wie rechtfertigt er sein Handeln in Berlin?

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  11. Dieser Brief wurde allen Studierenden vom Präsidium der UHH zugestellt.

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  12. Tippfehler, weil er abgetippt wurde. Ist per Post an alle Studis gegangen. Ein hervorragender Schritt und ein sehr guter Brief. Klar, dass die ewigen Nörgler weiternörgeln, aber immerhin wird jetzt jeder Studi den Kopf schütteln, wenn er die dümmlichen Transpisprüche auf dem Campus liest.

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  13. ging über stine heut. und per brief an alle studenten;)

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  14. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht...

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  15. Also ich werde mich von diesen leeren parolen die Dieter uns so als Fraß vorwirft nicht beeindrucken lassen!!
    Vielmehr lasse ich mich von Fakten und Taten beeindrucken und die sprechen eine ganz andere Sprache!!

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  16. "...6,7,B,9,..." Ahahaha, Scanner-Fail. xD
    Ne, jetzt aber mal Butter bei die Fische: Kein Wunder, dass der sich jetzt so einschleimt bei den Studenten nach der starken Kritik an ihm.
    We are watching you! Wie man an der Besetzung sieht, sind die Studenten durchaus in der Lage, auch mal auf die Barrikaden zu gehen. Und wenn der auch nur irgendeinen Bullshit wie in Berlin abzieht, wird das garantiert nicht unbemerkt bleiben.

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  17. hehe, in der tat ein scanner_fail ;)
    sollte schnell gehen, daher hat die arbeit der scanner erledigt, und nicht das Audimax sekretariat ;)

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  18. Vermute man trifft Dieter Lenzen auf der nächsten Demo gegen Studiengebühren beim *Dancen* - gut so!

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  19. Das ist doch mal ein guter Schritt in die richtige Richtung. Es wird sich zeigen, inwieweit Lenzen in Hamburg anders handeln wird als in Berlin. I believe.

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  20. Wahrscheinlich ist Lenzen einfach zu differenziert um von allen verstanden zu werden, wenn ich mir die Texte auf den Transparenten und die Art der Argumentation von so manchem Ewig-Gestrigen vor Augen führe ;-)

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